Editorial

IT in der Medizin

Bremen - 


Prof. Dr. Heinz-Otto Peitgen leitet das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin (MEVIS) in Bremen.
© Fraunhofer MEVIS

Die Gesundheitssysteme in Deutschland, Europa und der gesamten westlichen Welt stehen vor großen Herausforderungen. Eine qualitativ hochwertige und bezahlbare medizinische Versorgung wird sich vor dem Hintergrund
der alternden Gesellschaft und der explodierenden Gesundheitskosten nur durch Innovationen in der Medizintechnik
erreichen und sichern lassen. Dabei zählt die Informations- und Kommunikationstechnologie zu den Schlüsseltechnologien, wie die im Auftrag des BMBF erstellte Studie zur Situation der Medizintechnik in Deutschland im internationalen Vergleich aus dem Jahr 2005 feststellt.

Informationen werden in der Medizin zunehmend digital erfasst und ausgetauscht. Mit Informationstechnologie lassen sich klinische und radiologische Informationen auch über große Entfernungen zusammenführen und verarbeiten. Die elektronische Krankenkarte, die elektronische Patientenakte und telemedizinische Anwendungen sind dabei oft genannte Beispiele für aktuelle und zukünftige Trends.

Auf dem Gebiet der bildgebenden Verfahren, die seit der Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen im Jahr 1895 einen rasanten Siegeszug um die Welt angetreten haben, hilft moderne Informationstechnologie bereits heute dem Arzt bei der Diagnosestellung und Therapieplanung. Unter Einsatz von Informationstechnologie lassen sich Erkrankungen früher und sicherer erkennen, Therapien auf den individuellen Patienten zuschneiden und hinsichtlich ihrer Risiken bewerten und der Therapieerfolg verlässlich und reproduzierbar quantifizieren.

Ein Beispiel für den Einsatz moderner Informationstechnologie in der Medizin ist die bildgestützte Planung von Leberoperationen. Hierbei werden computer- oder magnetresonanztomographische Bilddaten aus Leberzentren in der ganzen Welt über das Internet an ein Expertenzentrum gesandt, dort unter Einsatz spezieller Software analysiert und die resultierenden Operationspläne an die Kliniken zurückgesandt, wo sie von den Leberchirurgen umgesetzt werden. Auf diese Weise kann das Risiko, dass die nach der OP im Körper verbleibende Restleber nicht funktioniert, vorausberechnet und gesenkt werden.

Ein weiteres Beispiel ist die bildgestützte Tumorverlaufskontrolle bei Krebstherapien. Hierbei kann durch den Einsatz softwaregestützter dreidimensionaler Vermessungsverfahren die Irrtumswahrscheinlichkeit der Einschätzung des Verlaufs gegenüber dem gängigen RECIST-Standard auf ein Fünftel verringert werden. Durch informationstechnologische Konzepte dieser Art – sei es in der hochspezialisierten Leberchirurgie oder bei Routineanwendungen wie der Tumorverlaufskontrolle – wird nicht nur die Qualität der Gesundheitsversorgung in der Leistungsspitze angehoben, sondern im Sinne der evidenz- basierten Medizin auch ein Standard für eine Qualitätssicherung in der breiten Anwendung ermöglicht.

Die Medizintechnik zeichnet sich durch sehr kurze Innovationszyklen aus. Mehr als 50 Prozent der medizintechnischen Produkte sind jünger als zwei Jahre. Das erfordert einen effizienten Innovationstransfer, der eine enge Verzahnung von Forschung, Industrie und Medizin voraussetzt. Die Institute der Fraunhofer-Gesellschaft können dabei als Einrichtungen der angewandten Forschung einen wichtigen Beitrag liefern. Diese Ausgabe mit dem Schwerpunkt „IT in der Medizin“ gibt dafür zahlreiche Beispiele.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre.



Heinz-Otto Peitgen








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Innovisions Magazin 34
04/2009
(erschienen Dezember 2009)
Schwerpunkt: Medizin-IT
weitere Specials: E-Learning, E-Business, Sensornetze


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