E-Learning
Beifahrer bei der Wissenssuche
Wissensarbeiter können sich künftig dabei unterstützen lassen, Informationen zu generieren, zu verwalten und zu teilen
Rostock -
© dha
Als im Jahr 1811 die erste Brockhaus Enzyklopädie erschien, bestand sie gerade mal aus acht Bänden mit insgesamt 3.800 Seiten. Im Jahr 2006 umfasste die 21. Ausgabe des Brockhaus 30 Bände und fast 25.000 Seiten. Wer sich das aktuelle Brockhaus-Wissen nach Hause holen will, muss heute fast zwei Meter seines Bücherregals freimachen und 70 Kilo stemmen. Vieles spricht deshalb dafür, dass die 21. Ausgabe auch die letzte Gedruckte sein wird. Denn theoretisch müsste eine Ausgabe im Jahr 2012 bereits rund 50 Bände umfassen: Unser Wissen verdoppelt sich alle fünf bis sieben Jahre. Zwar ist die Geschwindigkeit, mit der die Informationsflut steigt, nicht mit dem Zuwachs an Erkenntnissen gleichzusetzen. Sie steigert jedoch den Aufwand erheblich, der notwendig ist, um aus der sich ständig verbreiternden Masse der Publikationen die „Rosinen“ herauszupicken, die tatsächlich relevante Erkenntnisse zu einem Thema beinhalten. Der Status eines Experten hängt damit neben seinem Sachverstand also wesentlich auch davon ab, wie effizient seine Tätigkeit als Rechercheur und „Selektierer“ ist. Erschwerend kommt hinzu, dass die entsprechenden Dokumente nicht nur gefunden und ausgewertet werden müssen, um das enthaltene Wissen in der Forschung und bei der Arbeit der Unternehmen nutzen zu können. Der einzelne Wissensarbeiter muss sie auch in geeigneter Weise dokumentieren und miteinander in Beziehung setzen. Außerdem sollte er im ständigen Kontakt zu einem Netzwerk von Kollegen und Experten stehen. Denn für seine Arbeit ist es grundlegend, durch den Austausch von „Live“-Informationen und Ideen weitere und präzisere Antworten zu finden. Er nimmt also nicht nur Informationen auf, sondern generiert auch immer neues Wissen für sich, sein Unternehmen oder die Forschergemeinschaft.
Obwohl die Wissensarbeit mit entscheidend ist für den Erfolg innovativ arbeitender Unternehmen, sind die
Arbeitsabläufe und der Arbeitsplatz von Wissensarbeitern noch kaum erforscht. Insbesondere fehlen geeignete Methoden und Werkzeuge, die ihre Arbeit informationstechnisch gezielt unterstützen. Dies zu ändern, ist das Ziel eines EU-geförderten Forschungsprojekts. Gemeinsam mit elf europäischen Partnern aus Wissenschaft und Industrie arbeitet das Fraunhofer IGD an einer speziellen Software, mit der Wissensarbeiter ihre Aufgaben besser und effektiver erfüllen können. Das Programm übernimmt dabei die Funktion eines „Beifahrers“, der seinem Nutzer während eines normalen Arbeitsalltags assistiert. Beispielsweise „beobachtet“ es im Hintergrund, welche Aufgaben aktuell bearbeitet werden. Es analysiert den Inhalt von Dokumenten, Datenbankabfragen oder Internetsuchen und lernt auf diese Weise das bearbeitete Thema und die damit verbundenen spezifischen Fragestellungen besser kennen. Nun beginnt der Assistent selbsttätig nach Informationen zu suchen, die für eine Lösung wichtig sein könnten. Der Assistent zeigt dem Wissensarbeiter zum Beispiel Dokumente an, die sich bei ähnlichen Recherchen bereits als hilfreich erwiesen haben oder findet gespeicherte Notizen, Anmerkungen oder Verweise, die sich mit der Thematik befassen. Weil der Suchassistent dabei nicht auf die gespeicherten Daten seines Nutzers und damit auf dessen bereits vorhandenes Wissen beschränkt ist, kann er ihm auch dabei helfen, neue Erkenntnisse zu finden. Zu aktuell anstehenden Themen durchsucht er beispielsweise selbsttätig Internet, Datenbanken oder das Unternehmensnetzwerk nach relevanten Inhalten. Welche der vorgeschlagenen Dokumente der Systemnutzer anschaut, bearbeitet oder kommentiert, wird von seinem elektronischen Assistenten ebenfalls erfasst, um so seine persönliche Recherchebiografie zu ergänzen.
Mit der Softwarelösung wird es zusätzlich möglich, die Recherchebiografien der einzelnen Systemnutzer innerhalb eines Unternehmens oder eines Entwicklerteams zu verknüpfen. Arbeitet etwa ein Systemnutzer an einer Aufgabe, mit der sich einer seiner Kollegen im Rahmen einer ähnlichen Problemstellung bereits beschäftigt hat, weist ihn sein Wissensassistent auf die entsprechenden Inhalte hin. Die Vernetzung der Wissensarbeiter erleichtert die Arbeit des Einzelnen in mehrfacher Hinsicht: Ohne selbst danach suchen zu müssen, stellt der Wissensassistent seinem Nutzer die für seine Problemstellung erforderliche Experteninformation zur Verfügung. Reicht diese zur Lösung nicht aus, erfährt der Systemnutzer anhand der Vorschläge zumindest, welche seiner Kollegen bereits mit der gesuchten Thematik vertraut sind. Er kann also gezielt einen kompetenten Ansprechpartner auswählen. Dabei wird der Systemnutzer durch das Assistenzsystem zusätzlich unterstützt: Weil die Software am Arbeitsplatz der jeweiligen Wissensarbeiter „weiß“, welche Aufgaben er bearbeitet, welche Programme oder Methoden er dazu nutzt und seinen Wissensstand zu einzelnen Themen kennt, kann sie anhand dieser Informationen eine eigene Expertendatenbank erstellen. Außer den als passend eingestuften Dokumenten zu einer Fragestellung schlägt das Assistenzsystem also auch geeignete „Kollegen“ vor, die sich in das Thema bereits eingearbeitet haben. Damit der Kontakt mit und zwischen den Experten effizient gestaltet wird, ist das Assistenzsystem zusätzlich mit einer Kooperationskomponente ausgestattet. Deren Aufgabe ist es, die Zeitressourcen jedes Experten optimal zu nutzen. Anfragen werden also so gesteuert, dass sie die eigene Arbeit im Unternehmen oder im Wissenschaftsbetrieb möglichst wenig behindern. Das Fraunhofer IGD entwickelte dafür einen Assistenten, der den Anfrageprozess systematisch strukturiert. Die Software unterstützt den Anwender zum Beispiel dabei, sein Anliegen klar zu formulieren und erforderliche Dokumente direkt mit der Anfrage zu verknüpfen.
Bevor diese zum Experten geschickt wird, durchsucht der elektronische Assistent das Wissensnetz nach bereits von einem Experten bearbeiteten Erkundigungen zur gleichen oder zu sehr ähnlichen Fragestellungen. Auch das Ergebnis der schriftlichen und mündlichen Kommunikation mit dem Experten wird über das Kooperationstool dokumentiert und so als neues Wissen für alle Mitglieder des Wissensnetzwerks verfügbar gemacht. Das persönliche „Wissensprofil“ des jeweiligen Systemnutzers wird zudem dafür verwendet, ihm gezielt einen Ausbau seiner Kenntnisse und Fähigkeiten zu ermöglichen. Durch die laufende „Beobachtung“ seiner Arbeit kann die Assistenzsoftware einen noch vorhandenen Qualifizierungsbedarf feststellen. Passend zu den aktuellen Arbeitsaufgaben werden entsprechende Themen oder Wissensgebiete zusammengestellt und geeignete Dokumente oder Lehrmaterialien zur Wissensaneignung empfohlen. Das gesamte Assistenzsystem für Wissensarbeiter ist so aufgebaut, dass es in unterschiedlichen Arbeitsumgebungen und Sprachregionen eingesetzt werden kann. Im Rahmen der Projektarbeiten wurde die Software zum Beispiel von einem französischen Team von Entwicklungsingenieuren eines Flugzeugherstellers und einem unternehmensübergreifenden Beraternetzwerk in Slowenien getestet.
stw
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04/2009(erschienen Dezember 2009)
Schwerpunkt: Medizin-IT
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