E-Business
Business-Termin: Auf der Messe hat's gefunkt
Augmented Identity überwindet die Grenzen zwischen Realität und Datenwelt. Einem „digitalen Ich“ kann sogar die erste Kontaktaufnahme überlassen werden
Stuttgart -
© dha
Es ist eines der typischen „Come together“, die im Rahmen fast jeder Messe stattfinden: Judith Winkler will die Veranstaltung gezielt nutzen, um neue Kontakte zu knüpfen. Ihr Unternehmen sucht dringend Entwicklungspartner für Produktinnovationen. Doch wie findet sie unter den Dutzenden von Firmenvertretern am schnellsten diejenigen heraus, die als Kooperationspartner infrage kommen? Der klassische Weg: Sie versucht mit möglichst vielen der Anwesenden ins Gespräch zu kommen. Tisch für Tisch und Grüppchen für Grüppchen wiederholt sich die Szene immer wieder. Erst kommt zum Einstieg eine kleine Vorstellungsrunde, darauf folgen gezielte Nachfragen zum Produktportfolio der jeweiligen Unternehmen. Immer wenn Judith Winkler dabei Chancen für eine Zusammenarbeit erkennt, geht sie mit dem Gesprächspartner weiter ins Detail. Die Unterhaltung dreht sich nun um das technische Know-how in den Entwicklungsabteilungen oder die strategische Ausrichtung in der Produktpolitik. Schließlich werden die Visitenkarten getauscht und verabredet, sich gegenseitig per E-Mail weitere Informationen zukommen zu lassen. Wie erfolgreich Judith Winkler beim „Kontakte knüpfen“ ist, hängt nicht allein von ihrem Engagement ab. Denn die verfügbare Zeit an diesem Abend ist zu kurz, um alle Anwesenden zu kontakten. Zu einem guten Teil ist es also schlichter Zufall, ob es ihr gelingt, die passenden Partner anzusprechen.
Derselbe Ort, dieselbe Veranstaltung – ein paar Jahre später: Inzwischen ist es für die meisten Geschäftsleute selbstverständlich, eine am Fraunhofer IAO entwickelte Augmented Identity Umgebung für Computer und Handy zu nutzen. Dazu zählen zum Beispiel Anwendungen für Mobiltelefone, die – soweit der Einzelne dies erlaubt – selbsttätig persönliche Profile und Informationen mit anderen Systemnutzern austauschen und verarbeiten können. Judith Winkler hat vor dem Besuch des Branchenmeetings ein derartiges Programm genutzt und ein spezielles „Face“ auf ihrem Handy erstellt. Darin legt sie fest, welche persönlichen Daten wie Name, berufliche Position sowie Angaben zur Branche und ihrem Unternehmen sie für andere Besucher der Veranstaltung öffentlich machen will. Zusätzlich hinterlegt sie Informationen, zu welchen Technologien und Themen sie Gesprächspartner sucht. Sobald sie nun das Branchenforum betritt, sendet ihr Handy in der Tasche über Mobilfunk ihr „Face“, also ihre auf die Veranstaltung abgestimmte „augmented identity“ an die Mobiltelefone der übrigen Teilnehmer. Gleichzeitig sammelt ihr Gerät die freigeschalteten Informationen der übrigen Anwesenden und gleicht sie mit ihren hinterlegten Kontaktwünschen ab. Judith Winkler geht an einen der Stehtische und wirft einen kurzen Blick auf ihr Handydisplay. Dort werden ihr nun die empfangenen „Faces“ geeigneter Gesprächspartner angezeigt. Einige davon haben sogar ihre Ortungsfunktion freigeschaltet: Vergleichbar mit einem Umgebungsradar eines Fluglotsen werden die aktuellen Standorte der Gesprächspartner angezeigt und die Messebesucherin kann gezielt auf diese zugehen. Mit anderen potenziellen Geschäftspartnern, die eine automatische Ortung nicht freigeschaltet haben oder ihr Interesse an einem Gespräch zu bestimmten Themen nur über ein anonymes „Face“ bekunden, verabredet sie per Telefonanruf oder via SMS Zeit und Ort für ein Treffen. Der gezielte Austausch der auf die jeweilige Situation angepassten Identitäten erleichtert nicht nur Kontaktaufnahme und Informationsaustausch mit Branchenkollegen erheblich. Mit ihren „Faces“ können sich Tagungsteilnehmer beispielsweise auch beim Veranstalter registrieren lassen. Dieser erfährt so nicht nur, wer anwesend ist, sondern auch, an welchen speziellen Themen der Einzelne interessiert ist. Der Veranstalter kann dies nutzen, um einzelne Teilnehmer auf für sie besonders interessante Vorträge aufmerksam zu machen oder bei einem Experten im Plenum anfragen, ob er sich nicht mit einem Beitrag an der abschließenden Diskussionsrunde beteiligen will. Auf ihrem Handy verwaltet Judith Winkler eine ganze Reihe unterschiedlicher digitaler „Faces“. Mit einem davon hält sie zum Beispiel Kontakt zu ihrer Familie. Sie hat es so eingestellt, dass ihre Kinder jederzeit wissen, ob sie im Büro ist oder auf einem Geschäftstermin. Zusätzlich wird angezeigt, in welcher Stadt sie sich gerade aufhält und wann sie am besten erreichbar ist. Denn sobald ihr Augmented Identity-Manager registriert, dass sie den Veranstaltungsort betritt, „weiß“ er auch, dass der Geschäftstermin beginnt, und teilt der Familie mit, dass im Moment nur Mailbox- oder SMS-Nachrichten möglich sind. Die digitalen „Faces“ nutzen auch Judith Winklers Geschäftspartner, um ihre Daten im CRM-System des Unternehmens laufend aktualisieren zu können. So könnte ein Kunde die Information an das Kundenmanagementsystem übertragen, an welchen Tagen und zu welchen Zeiten er nicht erreichbar ist. Bei der Bearbeitung einer Supportanfrage weiß Judith Winkler damit sofort, wann sie ihren Kunden sprechen kann.
Die Erforschung und Entwicklung von Technologien, Business Cases und User Interfaces für Augmented Identity
Anwendungen wird als Challenge Projekt von Fraunhofer gefördert. Zentrale Konzepte der Forscherteams am Fraunhofer IAO beschäftigen sich mit der Verwaltung der digitalen „Faces“ über das eigene Handy oder den eigenen PC. Damit wird erreicht, dass ein Anwender jederzeit einen umfassenden Überblick darüber hat, welche seiner persönlichen Daten er in welchem Kontext anderen Personen oder Systemen zugänglich macht. Augmented Identity benötigt also weder einen Systembetreiber noch eine Speicherung und Verarbeitung der persönlichen Informationen auf einem zentralen Server. Diese erfolgt ausschließlich auf dem Handy oder Rechner des Eigentümers der „Faces“. Über die Anbindung externer Accounts, zum Beispiel zum Kundenkonto des CRMSystems eines Unternehmens oder dem persönlichen Profil einer Web-Community, kann der Systemnutzer die jeweiligen Einträge steuern. Ein Aufruf des entsprechenden „Face“ genügt, um die persönlichen Angaben einzusehen, zu ändern oder zu löschen. Das Projekt beschäftigt sich auch mit Möglichkeiten zur Verzahnung sowie Steuerung realer und virtueller Umgebungen. Über ein „digitales Ich“ wäre etwa eine ad-hoc- Anbindung an Projektionsflächen oder eine VR-Umgebung umsetzbar. Ein Benutzer könnte damit seine Frage direkt an den Beamer senden und für alle gut sichtbar auf der Präsentationsfläche anzeigen lassen. Oder er könnte eigene Dateien wie etwa eine Projektskizze oder eine Grafik an einem elektronischen Infoboard anzeigen und anderen Teilnehmern zum Download anbieten.
stw
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04/2009(erschienen Dezember 2009)
Schwerpunkt: Medizin-IT
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